Kranzeiten ... Kranzeiten ... Kranzeiten

Lange vorher freuen wir uns auf den jährlichen Aufenthalt in Rust. Endlich ist es soweit. Und wie (fast) immer ist das Wetter prächtig. Man kann in den Buschenschänken abends sogar noch draußen sitzen. Viele begrüßen uns wie alte Bekannte, und mit den zufälligen Bekanntschaften ist man schnell im Gespräch. Leider vergeht diese Woche viel zu schnell und der Abreisetermin rückt bedrohlich näher. Damit unsere Seelen jetzt keinen Schaden nehmen, planen wir den Abschied immer sehr sorgfältig.

So treten wir, meine Frau Monika und ich, am Vortag unserer Rückreise noch mal den ca. 700 m langen Marsch zum See an. Über den großen Parkplatz gehen wir vorbei an den Mobile-Homes und sind bald an der Kranstation. Ein kleines Motorboot hängt satt in den Schlaufen, das Absenken auf den Trailer steht unmittelbar bevor. Wer je gesehen hat, wie von der Meyer-Werft in Papenburg Ozeanriesen die enge Ems herunter in die Nordsee bugsiert werden, kann diesen Vorgang zeitlich präzise kalkulieren. Ein 90°-Schwenk nach rechts, absetzen auf den Trailer, Schlaufen weg, fertig! Eine Sache von 10 Minuten. Ich beantrage die entsprechende Auszeit bei meiner Frau, die sich daraufhin auf der Bank am Kraner-Häuschen niederläßt, nachdem Hund Wasti ihr mit seiner feuchten Nase sein ok an die Wade gedrückt hat. Aus den geplanten 10 Minuten sollten dann gut und gerne 100 werden.

Der Schwenk des Regatta-Bootes in Richtung Trailer geht zunächst zügig. Dann entsteht die erste Pause, weil sich die Bootsgruppe nicht auf die endgültige Absenkposition einigen kann. Die Diskussion wird landestypisch geführt: Einige sagen "jooh", andere "naaa", und der Kompromiss ist dann "naaajooh"!
Wenige Zentimeter über dem Trailer wird erkannt, dass die Position des Bootes ungünstig ist. Also wieder hoch mit der Last! Der Kranführer setzt jedes bei ihm ankommende Kommando in Kranbewegung um: vor, zurück, kleiner Schwenk, abwärts. Wiederum ist die Position unvorteilhaft. Also noch mal hoch.
Natürlich hätte man am Boot kleine Markierungen für die exakte Absetzposition anbringen können. Aber diese eher deutsche Lösung verspricht keine Gaudi. Und die ist inzwischen im Überfluss vorhanden. An deutschen Kränen wäre es in dieser Situation vermutlich schon zu ersten Rangeleien gekommen. Hier nicht. Die Stimmung ist gut.
Nur der Kranführer wird unruhig, weil die vormittägliche Kranzeit abläuft. Die Sache muß also vorangehen. Ein aufwendig angelegter Herr übernimmt nun das Kommando, und an den Kraner gerichtet: "Wann i dir soag "Hoalt", dann hoaßt das "Hoalt"! Von nun an gilt nur noch sein Wort. Die anderen akzeptieren stillschweigend. Das Kommando zum Absetzen kommt: Vier Tonnen Boot nehmen vom umgebauten Chassis des alten Wohnwagens Besitz.
Es kracht. Kurze Ratlosigkeit. Wasti legt sich zu Monikas Füßen. Sucht er nur Schutz? Oder weiß er: Das kann jetzt dauern.

Ein "Mercedes Vito" mit Wiener Kennzeichen kommt. Jemand steigt aus. Es ist Franz Pabisch, wie ich später erfahre. Kurzer Rapport, was bisher geschah und Beratung, was nun zu geschehen hat. Der rechte Trailer-Reifen ist platt. Man ist sich einig: Der Schlauch ist geplatzt. Kurze Vernehmung von Erwin Thiel. Er hätte einen neuen Schlauch einziehen sollen und beteuert, diese Arbeit gewissenhaft und zur vollsten Zufriedenheit erledigt zu haben. Man braucht Werkzeug. Hilfeersuchen an den Fahrer des Zugwagens. Der wiegelt ab: "Füa aan Citroen braucht's koan Werkzeug. Den foahrst bis er zsammfoallt, dann tuast ihn weg!" Aber einen Kompressor hat er an Bord, ein Geschenk zu Weihnachten von seiner Familie. Noch originalverpackt. Den gibt er her. Plötzlich ist auch das benötigte Werkzeug da.
Aus sicherem Abstand habe ich das Absenken beobachtet. Die Ursache des "Knalls" ist nicht der Reifen, sondern ein Bruch des hinteren Trailer-Auflagers, vom Bootskiel locker gespalten. Ich mache eine entsprechende Meldung bei der SCR-Gruppe, weil ich mir Sorgen mache. Es scheint, als bleibe ich der einzige. Auf die Stimmung der übrigen hat es wiederum keinen Einfluss.
Der Kranführer hebt noch letztmalig die Fuhre an und verabschiedet sich in den vormittäglichen Feierabend. Inzwischen sind Kanthölzer eingetroffen, die eingebaut werden, um die Bruchstelle zu entlasten. Nochmaliges Absenken des Bootes, bis Kontakt zum Trailer besteht. Passt.
Nun zum Trailerrad. Es ist platt, für jedermann ersichtlich. Aber die Felge hat keine Ventil-Öffnung und somit kein Ventil. Vollgummibereifung? Nein! Das Rad ist platt! Die Stimmung erreicht den vorläufigen Höhepunkt. Erste Erwin-Rufe sind zu vernehmen! Erwin Thiel hat am Vortag ordnungsgemäß einen neuen Schlauch eingezogen, hat aber das Rad verkehrt herum aufgesteckt. Offener Jubel in der Runde.
Inzwischen ist der Kompressor ausgepackt und bekommt seine erste Füllung Seeluft. Der Zeiger des Manometers zeigt auf "2". Zu wenig, wie sich später herausstellt. Außerdem kommt man nicht an das Ventil, das bekanntlich innen sitzt. Also einen Wagenheber unter die Achse, Radlager auf, Rad umgedreht, Radlager zu, Kompressor ans Ventil. Der Reifen hebt sich nur müde. Der Druck reicht nicht. Kompressor nochmals "nachladen". Jetzt ist kein Strom da! Hat der Kran-Dackel den Saft abgedreht? Einer weiß, wie es trotzdem geht. Ich glaube, es ist Erwin Nigl, der Clubhaus-Architekt, der sich bisher vornehm zurückgehalten hat. Perfektes Timing! Der Kompressor wird auf 4 bar gebracht und der Reifen damit auf den notwendigen Luftdruck. Fertig! Alle sind erleichtert.

Ehrenobmann Pabisch will die Deutschen so nicht ziehen lassen. Wir folgen seiner Einladung ins Clubhaus auf ein "Glaserl". Clubobmann Ettlinger stößt hinzu. Das Vorangegangene lassen wir noch einmal gemeinsam Revue passieren, und ich bemerke, dass das einen guten Stoff für ein Serien-Drehbuch oder zumindest eine Kolumne im Feuilleton geben würde. Plötzlich sitze ich in der Falle. "Schreib’ns die Geschichte doch für den ,Segelboten'!". Clubobmann Ettlinger gibt sich als Medienschaffender der Clubzeitung zu erkennen und bittet seine Frau telefonisch einige Ansichtsexemplare zu bringen. Wenige Minuten später ist sie da. Die Details werden besprochen. Spaltenbreite 12 Cicero, Schrift Ariel 12 Punkt. Alles klar. Aus dieser Nummer komme ich nicht mehr heraus. Will ich auch gar nicht. Inzwischen fühlen wir uns fast wie dazugehörig und unter lieben Freunden. Es könnte endlos so weitergehen.

Wieder in Göttingen angekommen, gehen wir durch die Straßen wie Fremde - oder wie Weltreisende, die ewig lange weg gewesen sind.

Dr. Manfred Dallmann