Eissegeln auf dem Neusiedler See

Die Leidenschaft zur Geschwindigkeit - ein Bericht von Gerhard Ettlinger

An einem sehr kalten Wintertag war der Grundlsee mit Spiegeleis versehen und viele Menschen nutzten dieses traumhaft schöne Naturereignis für einen Spaziergang über den See. Dort sah ich meinen ehemaligen Segellehrer, Michael Hampl, der nach einem fröhlichen "pfüat enk" seinen Schlitten bestieg, losfuhr, und nach Sekunden nur mehr als Punkt sichtbar war. Das war für uns Zuseher sehr beeindruckend. Ich beschloß, etwas über diese Sportart zu erfahren, hatte jedoch bisher wenig Erfolg. Erst durch ein Gespräch mit Herrn Arch. DI Andreas Müller-Hartburg, Präsident des Österreichischen Eissegelverbandes, erhielt ich Antworten auf viele Fragen zu diesem sportlichen Thema. Ich bedanke mich bei ihm recht herzlich dafür und darf Ihnen, verehrte Leserin, lieber Leser, dieses äußerst interessante und aufschlußreiche Gespräch in den Worten des Präsidenten weitergeben:

Eissegeln ist Segeln in der kalten Jahreszeit. Wir unterscheiden zwischen Wassersegeln und Eissegeln. Normalerweise betrachtet man den Segelsport nur auf dem Wasser. Eissegeln hat die große Faszination der Geschwindigkeit. Wir können bis zu fünf mal so schnell wie der Wind fahren und erreichen mit dem DN-Schlitten, den wir in Österreich einsetzen, ein Tempo bis zu 170 km/h. Eissegeln ist sicherlich kein Massensport, soll es auch nicht sein, und es gibt auch das Gerät nirgends in Masse in Sportgeschäften zu kaufen. Eissegeln ist ein Sport für Extremsegler, obwohl das Alter der Eissegler nicht unbedingt das des jugendlichen Heißsporns ist, sondern eher zwischen 30 und 60 Jahren liegt, nicht zwischen 15 und 30, wie allgemein angenommen wird.

Eissegeln ist vor einigen hundert Jahren in Holland entstanden. Die ersten Eissegler waren holländische Fischer, die auf ihre Boote Kufen montierten, um mit diesen Schlitten viele Kilometer über das Wattenmeer zum Fischfang und abends wieder nach Hause zu segeln. In den baltischen Republiken gab es Eissegeln seit weit über hundert Jahren. Früher wurden Eisschlitten in der Küsten- und Binnenfischerei benutzt. In den 20er Jahren dieses Jahrhunderts schrieb die amerikanische Zeitung "Detroit News" einen Wettbewerb für ein Volksgerät des Eisseglers aus. Daraus entstand der DN-Schlitten, der sich unter anderem dadurch auszeichnete (und auch heute diese positiven Eigenschaften besitzt), daß ihn jeder geschickte Bastler mit den Mitteln eines sehr guten Heimwerkers selber bauen konnte. Daraus entstand die Klasse der DN-Schlitten, der weltweit mittlerweile rund 4.000 Mitglieder angehören.

Wir unterscheiden zwischen Regattaseglern und Fahrtenseglern, wobei das Fahrtensegeln im Sinne von Überbrückung größerer Distanzen mit Einkehr und anschließendem Weiterfahren auf speziellen Revieren - in Österreich nur auf dem Neusiedler See - möglich und durchführbar ist. In Breitenbrunn zum Beispiel gibt es eine starke Gruppe, die Fahrtensegeln betreibt und die zu "Rudeln" von 10 oder mehreren Freunden irgendwo schemenhaft auftaucht, um den Neusiedler See an einem kalten Wintertag auf diese schöne Art zu nutzen. Fahrtensegeln kann auch als Expeditionssegeln ausgeübt werden. Dies geschieht in Skandinavien, wo Fahrtensegler nach ein paar hundert gesegelten Kilometern Distanz in Hütten übernachten. Der Eissegler - behaupte ich - benötigt überhaupt keinen Yachtclub, das heißt, wir führen keinen Club am Neusiedler See, abgesehen vom Yachtclub Weiden, der lange Zeit Stützpunkt der Regattasegler war, wo man eventuell im Clubhaus vorne Segel über Nacht unterbringen kann.

In Österreich gibt es den Eissegelverband (ESVÖ) mit rd. 100 aktiven Mitgliedern, dem ich derzeit als Präsident vorstehe, der zugleich eine Unterorganisation der weltweiten IDNIYRA (International DN Ice Yacht Racing Association) ist. Diese Organisation beschäftigt sich hauptsächlich mit dem Renngeschehen des Eissegelsportes, während der ESVÖ sich als eigener Verband betrachtet, der Fahrtensegeln ausübt, wobei nicht nur der DN-Schlitten, sondern auch andere Schlitten bzw. Klassen bei uns willkommen sind. Nur besitzen sehr wenige Österreicher auch andere Schlitten, weil für unsere Reviere der DN-Schlitten sich sicherlich als die beste Klasse erwiesen hat. Der ESVÖ gliedert sich in drei regionale Flotten: die Flotte Ost (Wien, NÖ., Bgld.), die Flotte West und die Flotte Süd. Als Eissegelreviere eignen sich hier im Osten hauptsächlich der Neusiedler See, im Westen die Salzkammergut Seen, insbesondere der Wallersee, weiters Fuschlsee, Mondsee, Grundlsee sowie der benachbarte Lipno Stausee in der tschechischen Republik, von dem ein winziger Teil zum österreichischen Hoheitsgebiet gehört. Er ist ein ähnlich gutes Revier wie der Neusiedler See, weist jedoch einige für uns wichtige Unterschiede auf. Zum Beispiel ist die Höhenlage abweichend, er friert zu anderen Zeiten zu, hat einen ganz anderen Schneefall. Dann gibt es die Flotte Süd, hauptsächlich Ossiacher See und Wörther See, mit dem gleichen Problem Sommer und Winter, nämlich, daß es dort relativ wenig Wind gibt. Diese Reviere in Österreich werden von den jeweiligen Flottenkapitänen betreut. Jeden Donnertag nachmittag beginnt in der Saison ein großes Telephonat. Alle berichten nach Wien, auf welchem Gewässer segelbares Eis ist und welche Kriterien vorherrschen. Die Flottenkapitäne und ihre Helfer waren ausgeschwärmt auf der Suche nach Möglichkeiten zu segeln. Diese Meldungen werden hier in der Zentrale gesammelt und dann wird von mir entschieden - es kann nur einer zentral beschließen - wo wann welche Veranstaltung durchgeführt wird. Ab Donnerstag abend erfahren dann unsere Mitglieder über Tonband und Anrufbeantworter, zu welchem Zeitpunkt auf welchem See zum Beispiel die österreichische Meisterschaft stattfinden wird. Weiter vorschauende Planungen sind nicht zielführend, weil man nie weiß, wie sich die Wetterlage entwickelt. Man kann also nicht einen Monat vorher Regattatermine festlegen.

Ab 20. Jänner 1996 wurde die Weltmeisterschaft in Podersdorf abgehalten, d. h. die IDNIYRA-Austria, eine Unterorganisation der IDNIYRA-Europa hatte die Weltmeisterschaft und Europameisterschaft 1996 auszurichten gehabt. Vorläufer der WM ist der Euro-Cup, eine vorbereitende Regatta am Wochenende. Montag begann die Weltmeisterschaft. Die organisatorische Abwicklung und Betreuung war eine schwierige Aufgabe, denn wir hatten ja beinahe doppelt soviel Teilnehmer als Mitglieder. Man braucht für so eine große Veranstaltung zwischen 20 und 30 Personen, die sich an der Organisation vor Ort beteiligen, ob das jetzt an der Startlinie, im Zieleinlauf beim Scooring oder als Schiedsgericht ist. Bis zu 30 Prozent unserer Flotte waren als Funktionäre eingesetzt. Besonders erfreulich fanden wir alle, daß viele Frauen der Funktionäre und Mitglieder unterstützend eingesprungen sind. Es erfüllt mich mit Freude und Dank, wenn ich hier nochmals festhalten darf, daß die Damen heldenhaft bei -8 Grad und 6 Windstärken auf dem Eis standen, um mit klammen Fingern den Zieleinlauf aufzuschreiben. Es war wirklich toll, daß unser Verband so hervorragend zusammengehalten hat. Mittwoch abend, nach dem Ende der Weltmeisterschaft hatte es plötzlich begonnen zu schneien, völlig atypisch für den Neusiedler See. Aber zu den heurigen Wetterverhältnisse am See brauche ich wohl nichts hinzufügen. Sie als Wassersegler haben sie ja kennengelernt.

Gewonnen hat die Weltmeisterschaft der Pole Carol Jablowski, der ein perfekter Eissegler und ein sensationeller Wassersegler ist. Als Wassersegler ist er ein Profi, d. h. er wird für seine Segelleistung bezahlt. Im Eissegeln gibt es keine Segelprofis, weil wir von niemanden finanziell unterstützt werden. Jeder Eissegler ist in diesem Sinne Amateur. Er muß seinen Schlitten selbst bezahlen und für alle Kosten aufkommen. Auch die internationalen Spitzensegler, die als Profis vom Segeln leben, betreiben Eissegeln als Amateure. Das ist wirklich toll.

Veranstaltungen können von uns nicht langfristig geplant werden. In den letzten 10 Jahren - soweit ich mich erinnere - hat die Weltmeisterschaft noch nie dort stattgefunden wo sie ursprünglich vorgesehen war. Das erste mal seit 10 Jahren ist es uns gelungen, die geplante Weltmeisterschaft auf dem Neusiedler See auch auf diesem auszutragen, weil es in der Regel immer vorkommen kann, daß das Eis nicht paßt oder es schneit gerade oder irgend etwas Unvorhergesehenes tritt ein. Und dann wird quer durch Europa telephoniert: wo gibt es Eis, wo können wir segeln? Und dann wird der Start ein paar Tage vor der Austragung irgendwohin verlegt, was die Organisation erschwert. Das zeigt, wie hervorragend unser Revier ist, weil man auf dem Neusiedler See mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 % an einem Wochenende im Jänner zum Beispiel eine Großveranstaltung durchführen kann, da es dort segelbares Eis gibt. Das macht dieses Revier so besonders bekannt und beliebt, obwohl es für Eissegelfreunde aus zum Beispiel Hamburg oder Genf wirklich sehr weit weg liegt.

Ein Schlitten ist nicht gerade billig. Für ein hochwertiges Renngerät mit einer Grundausstattung an Kufen, die wir Läufer nennen, muß mit 70 bis 80.000 Schilling gerechnet werden. Ein gebrauchter regattatauglicher Eissegler kostest auch noch 30 bis 40.000 Schilling, so daß man ohne vom Material her extrem benachteiligt zu sein, mit Freude segeln kann. Wenn man sich aber vorstellt, wieviel ein gutes Surfbrett kostet oder ein Laser, dann ist im Verhältnis gesehen, so ein Schlitten gar nicht teuer. Es klingt immer so wild, ist aber nicht so schlimm. Wir Eissegler richten uns nach ganz genauen Vermessungsvorschriften (das sind offizielle Maßangaben) zum Beispiel für Rumpf, Mast, Planken, Spur, Segel, Rigg oder Beschläge. Diese Vorschriften erlauben jedoch einen Spielraum, so daß ein bestimmtes Experimentierfeld übrigbleibt. Gerade im Mastenbereich wird dieses Experimentierfeld durch neue Technologien, die jetzt auch zugelassen sind (zum Beispiel Mast aus Glasfaser, Holz mit Karbon verstärkt, diverse Kunststoffphilosophien) ausgeschöpft. Das ist gut so, denn ein wesentlicher Faktor, der beim DN-Schlitten Spaß macht, ist die Möglichkeit, mit Materialien zu experimentieren. Dieses Experimentieren, dieses Heimwerkerelement, das dazu führt, daß jemand sich zum Beispiel andere Läufer bestellt oder den Mast irgendwo versteift - selbstverständlich im Rahmen der Vorschriften - macht die Freude am Eissegeln aus. Und man soll es nicht glauben, wie die unterschiedliche Biegung eines Mastes mit einem bestimmten Segelprofil zu einer Änderung der Topgeschwindigkeit führt. Beim Start ist ein volles Segel erforderlich, um möglichst schnell Geschwindigkeit aufzunehmen und je schneller man damit wird, desto mehr kommt der scheinbare Wind von vorne und desto flacher muß das Segel sein. Der wesentliche Unterschied im Segeln selber ist, daß man diesen scheinbaren Wind ab einer gewissen Beschleunigung immer mit dem maximal möglichen Anstellwinkel von vorne bekommt, das heißt, man fährt auf einem Raumschotkurs etwa zwischen 90 und 180 noch mit voll dichtem Segel. Die Segel werden eigentlich fast nie aufgefiert. Im Prinzip wird mit dichtem Segel jeder Kurs gefahren. Das ist ein wesentlicher Unterschied zur Segelführung auf dem Wasser. Für Anfänger, die oft gute Wassersegler sind, ist dies eine vollkommen neue Erfahrung.

Wir verwenden Plattenläufer, das sind Stahlplatten mit einem dementsprechenden Schliff, kein Hohlschliff wie bei den Schlittschuhen, sondern eine messerscharfe Spitze, um so wenig wie möglich Reibung zu produzieren. Daher sind bei unterschiedlichen Oberflächenbeschaffenheiten des Eises unterschiedliche Metallegierungen speziell im Rennbereich interessant. Längere Kufen lassen das Gerät ruhiger fahren, was den Fahrtensegler wieder mehr anspricht. Wir segeln nicht Schi, um auf Schnee zu fahren, weil die Abdrift zu stark wird.

Der Eissegler muß warm angezogen sein. Wir alle fahren mit Schianzügen samt warmer Unterwäsche, weiters Schuhe mit Spikes und natürlich mit Brille. Mit Vollvisierhelmen wird wenig gesegelt, weil sie anlaufen, zu unhandlich und zu groß sind. Es werden eher Springerhelme aus Karbon, wie bei den Paragleitern, verwendet, die sehr leicht sind, weil der Fahrtwind einen unglaublichen Druck auf den Kopf ausübt. Speziell zu Saisonbeginn spürt der Segler, der ja im Schlitten fast liegt, daß ihm bei voller Fahrt der Kopf nach hinten fällt. Dann braucht er eine Hand, um den Kopf in beinahe 90 zum Körper nach vorne zu halten. Ihm fehlt einfach die nötige Muskelkraft. Diese Muskel sind beim Menschen nicht sehr trainiert und auch nicht sehr ausgeprägt.

Obwohl Spiegeleis gewiß den idealen Untergrund für die Läufer bildet, kann man auch auf rumpeligem Eis oder Harsch segeln. Nur darf die Schneedecke nicht mehr als 10 cm betragen. Um so glatter die Oberfläche, desto weniger Wind ist notwendig. Auf Spiegeleis fahre ich mit einem Hauch. Da ist eben das Beschleunigungsverfahren zum scheinbaren Wind leichter herzustellen. Vor dem Segeln muß man den Schlitten anlaufen, ihm mit Schwung Geschwindigkeit geben. Ein Bob braucht eine bestimmte Anfangsgeschwindigkeit mit der er möglichst schnell in die Bahn geschoben wird. So ähnlich ist das auch beim Eissegeln.

Das vielleicht schönste Erlebnis des Eisseglers ist der Gemeinsinn mit der Landschaft, mit einfachen physikalischen Tricks des scheinbaren Windes und der geringen Reibung schneller als der Wind zu segeln auf einem grandiosen Naturplatz wie dem Neusiedler See. Man ist verbunden mit der Natur auf eine Art und Weise, die gerade sensationell ist. Weil dort ist Einsamkeit, wie es sie in unserer heutigen Zeit kaum mehr gibt.

Die österreichische Flotte versteht sich so, daß zum Eissegeln jene kommen werden, die vielleicht durch Artikel wie diesen animiert werden, das zu tun und einen eher extremen und im Sinne von Massensport nicht populären Sport gerne ausüben möchten. Wir werden nichts dazu tun - dieses Interview ist eine ganz seltene Ausnahme - das österreichische Eissegeln populär als Massensport zu machen, einfach weil unsere Reviere eine zu große Anzahl von Eisseglern nicht zulassen. Ausnahme ist sicher der Neusiedler See. Dort können natürlich wesentlich mehr Eissegler fahren als jetzt, weil genug Platz vorhanden ist. Außerdem ist er relativ ungefährlich. Daher finden wir es sehr gut, wenn Vereine sich auf diesem Revier vermehrt mit dieser Wintersportart beschäftigen. Aber auf anderen Revieren würde eine große Anzahl von Eisseglern zum Problem werden. Aus diesem Grunde haben wir gar kein Interesse an großer PR oder Medienpräsenz.

Wer Interesse am Eissegeln hat, soll unter der Wiener Telephonnummer 877 83 31, oder ab Ende November unter der hotline Nr. 877 52 74 Verbindung aufnehmen. Wir werden sehen, was wir für ihn organisieren können. Wir werden niemand anrufen, sondern wenn jemand mitmachen will, muß er sich darum bemühen. Viele bringen jedoch die Energie nicht auf, um zu sagen, OK, das gefällt mir, da mache ich mit. Eines der größten Probleme ist, daß man nicht eissegeln kann, wenn man gerade Zeit und Lust hat. Gesegelt wird, wenn es brauchbares Eis gibt - egal wo. Natürlich verlangt dies ein großes Verständnis der Familie, weil Eissegeln sehr spontan funktioniert. Wie schon vorher erwähnt: Eine österreichische Meisterschaft wird Donnerstag abend fixiert, Samstag oder Sonntag findet sie statt. Es bedarf daher einer starken Partnerschaft, die so etwas mitträgt. Auch dieser Aspekt trägt dazu bei, daß Eissegeln nicht so leicht zu einem Massensport wird.

 

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